Die große Kollision
am 11. März 1970

Als "der große Bums" ging die Kollision mit dem Frachter "Rio Carcarana" am
11. März 1970 in die Feuerschiff-Geschichte ein. Kurt Mahler erlebte die Kollision an Bord der ELBE 1 und beschreibt hier seine Eindrücke:

"Wir kamen am Dienstag raus und hatten zwei Neue mit. Am Mittwochmorgen, es war der 11. März, 10 Uhr, ich hatte Wache von acht bis zwölf, war dicker Nebel. Kapitän Krüger stand am Radar, ich an der Nock. Sagte er: "Da kommt einer auf uns zu, kannst was hören?" "Nee, ich hör noch nichts, wo ist er denn nu?" "Er kommt näher, kannst noch nichts seh´n?" "Nee."

Ich guck in den Nebel und seh plötzlich nur ´ne weiße Bugwelle, die genau auf uns zukommt. Zu sehen war sonst nichts, nur der weiße Schaum. Den roten Alarmknopf in meiner Nock habe ich gleich umgedreht - Generalalarm! Unten erklärte der Bootsmann gerade bei den beiden Neuen: "Wenn das mal klingelt, dann müßt ihr nicht erst lange überlegen - sofort an Deck, Schwimmwesten sind oben auch." Jetzt klingelte es. Sagte der Bootsmann: "Mensch, das ist ja Alarm - rauf!". Der Steven des anderen Schiffes wurde immer größer, als es krachte, waren einige noch auf der Treppe: der Motorenwärter aus der Maschine und die, die in der Koje gelegen hatten. Andere waren noch in den Betriebsgängen. Sie wußten nicht, auf welcher Seite es krachen würde. Und weglaufen konnt´st ja nicht.

Der riesige Steven ging achterlich rein. Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen. Das klingt mir immernoch in den Ohren. Der Steven reichte bis an unser Laufgitter oben am Lampenturm. Dann drückte er uns fast flach auf das Wasser und schob ELBE 1 vor sich her.

Der Funker und der Motorenwärter befanden sich gerade um Laufgang in Lee, als ein riesiger Schwell über ihnen zusammenbrach. Ich hatte mich mit dem Kapitän auf dem Gang vor der Brücke am Geländer festgehalten, da kommen die beiden klöternaß zur Brücke rauf. Ich hab sie mit großen Augen angestarrt und gefragt: "Wo kommt ihr denn her?". Denn ich hatte noch gar nicht spitzgekriegt, dass wir fast flach auf dem Wasser gelegen hatten. Und dann dieses fürchterliche Bild, wie der riesige Bug in uns steckte. Das Fundament der Hauptmaschine hatte ihn aufgehalten. Sonst wäre er ganz durchgegangen. Ein Beiboot war mittendurch.

Dann wurde gegrölt: "Leiter runter, Leiter runter!" Alle dachten: Jetzt saufen wir ab. Oben auf dem Riesenbug standen welche und guckten runter und wir riefen rauf, sie sollten ´ne Leiter runterwerfen. Die schmissen sie dann auch, aber die war Gott sei Dank zu kurz. Die hing nämlich frei. So eine freischwebende Jakobsleiter mußt du nämlich von der Seite anfassen. Das kann nicht jeder, da wären einigen von uns zu Bach gegangen. Dann haben wir gebrüllt: "Nicht zurückzieh´n! Nicht zurückzieh´n!" Wir dachten: Wenn er jetzt rauszieht aus dem großen Loch, dann buddeln wir wirklich ab. Oh Mann, keiner katte ´ne Schwimmweste um. Jetzt hat jeder erstmal ´ne Schwimmweste umgebunden. Das ging alles viel zu schnell. Die von unten mußten erst die Treppe hoch und wir da oben mußten uns ja festhalten.

Aber es gab was, das zu unseren Gunsten sprach. Wir hatten hinten die Trimmtanks leergepumpt. Da gehen 22 Tonnen rein. Die haben wir früher immer gelentz, wenn Nebel war. Die Tanks haben uns gehalten. Der Maschinenraum war woll Wasser und die hinteren Räume auch. Nur der Proviantraum war leer geblieben, weil das Wasser da nicht reinlaufen konnte. Mit 22 Tonnen mehr Ballast hätte das Schiff tiefer gelegen und wäre wohl auch achtern voll gelaufen.

In den vorderen Räumen kam das Wasser schon durch die Waschbecken. Als der Bug drinsteckte, waren wir alle nach achtern gegangen, um an Backbord die Rettungsinseln auszusetzen. Alls der Bug dann aber zurückzog, verhakte sich sein Anker hinter den Stagen vom Achtermast und riß ihn um. Wir konnten das hören. Wir liefen ganz schnell nach vorne, um unter die Brücke zu kommen, damit wir den Klöterkram nicht auf den Kopp kriegten. Der Achtermast fiel am Turm vorbei nach Steuerbord.

Dann haben wir das heil gebliebene Boot an Backbord weggefiert. Mit alle Mann rein. Der Neue und ich haben gefahren. Nur der Bootsmann und der Kapitän blieben an Bord. Da sagte einer: "Bring uns doch rüber zum Lotsendampfer."
Zwei Mann von uns waren ja klöternaß. "Nix", sag ich, "kommt nicht in Frage. Ich geh nicht weg mit dem Boot, solange da noch zwei Mann an Bord sind." Dann sagte der Kapitän: "Kurt, bring man die Leute weg!". Nun hatte sich inzwischen der Lotsendampfer wieder zurückgezogen und es war ja Nebel. Ich konnte nix mehr seh´n. Jetzt schipperte ich da rum und sah überall Dampfer auf uns zukommen. Da war´n aber gar keine. Weil, wenn du lange in den Nebel guckst, dann siehst du weiße Mäuse.

Als der Lotsendampfer wieder kam, hab ich die Leute abgesetzt und bin wieder an Bord gegangen. Dann habnen wir hinten ausgepumpt, was von oben reingelaufen war, und versucht, die Kette zu lösen, damit das Schiff später auf den Haken genommen werden konnte. Dann ist es nach Cuxhaven einschleppt worden.

Quelle: Zeitschrift "Yacht" Nr. 10/88