Vorbereitungen
Lange bevor eine Museumsfahrt beginnen kann, muss an das leibliche
Wohl der Gäste und Crew gedacht werden. So ist es nicht verwunderlich,
wenn mehrere Male ein Bollerwagen und Schubkarren, voll beladen mit
Lebensmitteln vorbei an den Se(h)leuten an der Alten Liebe in Richtung
des Schiffes von Crewmitgliedern gebracht werden. Zwangsläufig kommt
es dann zum immer wiederkehrenden Dialog "habt Ihr eine Feier?"
"… wußte gar nicht, daß das Schiff fährt. Kann man
da mitfahren?" Die Antworten sind dann …. "Wir machen eine
Reise nach Wilhelmshaven, ja man kann mitfahren, nein es ist keine
Spaßtour der Crew, wir unterhalten das Schiff mit Hilfe der Gästefahrten,
der Verein hat über 300 Mitglieder, wir fahren noch in diesem Jahr
mehrere Male nach Helgoland, einmal nach Büsum und Bremerhaven und
ja, man kann vor einer Fahrt an Bord übernachten, um am folgenden
Tag die frühe Abfahrt nicht zu verpassen." Obwohl ein Kassenhäuschen
an der "Alten Liebe" und eine Webseite www.feuerschiff-elbe1.de vorhanden
sind, wundert man sich schon, warum diese Informationsquellen nicht
genutzt werden. Vorschriften verlangen, daß vor dem Antritt
einer Reise einige Formalitäten erfüllt werden müssen. So erhalten
alle Passagiere eine sogenannte Verzehrkarte und alle, einschließlich
der Crew, werden namentlich erfaßt. Dies geschieht übrigens
auch bei jeder Reise im Flugzeug.
Die
Reise beginnt
Nachdem alle Passagiere an Bord sind, kann das Schiff von seiner Umklammerung
an den Dalben gelöst werden und das Ablegen kann beginnen. "Achtung
Typhon" ist von der Brücke zu hören. Diejenigen, die die Lautstärke
des Typhons kennen, halten sich die Ohren zu, die anderen zucken zusammen
wenn die 3 kurzen Töne ertönen. 3-mal kurz bedeutet, dass sich das
Schiff rückwärts bewegt. Langsam wird der Abstand zu den Dalben immer
größer. "Achtung Typhon" hört man erneut von der Brücke - nein - dieses
Mal ein langer Ton. Damit wird anderen Schiffen signalisiert, daß
wir aus dem Hafen herausfahren wollen. Parallel dazu wird die Revierzentrale
auf UKW über das Vorhaben informiert unter gleichzeitiger Nennung
des Zielhafens und der Anzahl der Passagiere an Bord. Zuvor wurde
dies bereits in die AIS Anlage eingegeben. (AIS: Automatic Identification
System; ein automatisches Identifikationssystem). Es ist ein Funksystem,
das durch den Austausch von Navigations- und anderen Daten die Sicherheit
und die Lenkung des Schiffsverkehrs verbessert. Seit Mitte 2008 sind
alle Berufsschiffe über 300 BRZ in internationaler Fahrt bzw. über
500 BRZ in nationaler Fahrt verpflichtet, eine AIS-Anlage zu betreiben.
Auch Schiffe, die länger als 20 m sind oder mehr als 50 Passagiere
an Bord haben, müssen mit einer AIS-Einheit ausgerüstet sein. Die
Elbe1 hat übrigens eine Wasserverdrängung von 1000 t. Auch von Zuhause
können Sie den weltweiten Schiffsverkehr und somit auch den der Elbe1,
über www.marinetraffic.com am heimischen PC verfolgen. Zunächst ging
es die Elbe abwärts, entgegen der auflaufenden Tide, immer am Tonnenstrich
entlang. Mehrere Male passierten uns Schiffe auf dem Weg nach Hamburg
oder zum Kiel- Kanal. Es kommt vor, daß bekannte Lotsen an Bord
sind und sich diese entweder über UKW oder was bei Handelsschiffen
nicht so üblich ist, mit dem Typhon (3 x lang) begrüßen. Wiederum
bestätigt sich, daß Seeluft hungrig macht und so ist es nicht
verwunderlich, daß die ersten belegten Brötchen, schneller verzehrt
werden, als die fleißigen Hände der ehrenamtlich Tätigen, sie bereitstellen
können. Alle Passagiere machen es sich auf dem Oberdeck bequem und
genießen die herrliche Luft und den Blick bis zum Horizont. Das mag
auch daran liegen, daß nur eine mäßige Brise weht und die See
spiegelglatt ist. Kaum mit dem bloßen Auge sichtbar, fahren wir am
Scharhörn, einer nur wenigen Meter aus dem Meer hervorschauende Vogellinsel
vorbei, bis wir nur noch rundum von der Weite der See umgeben sind.
Etwas Navigation
Oft wird gefragt, warum man solch einen Umweg fährt und nicht geradlinig
bis zur Mündung der Jade fahren kann. Unsere Elbe1 hat einen Tiefgang
von 4,70 Meter. Mit einem Blick auf die Seekarte kann man dann anhand
der Wassertiefen und Tidenkalender erklären warum so gefahren werden
muss. In der Zwischenzeit haben wir die Wesermündung durchquert. Mit
dem Fernglas konnte man gut die Leuchttürme Roter Sand, Alte Weser
und in der Jade Melumplate ausmachen.
Einlaufen in Wilhelmshaven
Nun fahren wir bei auflaufendem Wasser mit zunehmender Geschwindigkeit
in die Mündung der Jade. Trotzdem werden wir nicht die reguläre Schleusenzeit
in Wilhelmshaven erreichen und so wurde der Schleusenwärter über Funk
gebeten bei der nächsten Schleusung auf uns zu warteten. Um dies einigermaßen
einhalten zu können, wurde der Gashebel auf dem Tisch gelegt, was
soviel bedeutet wie maximale Geschwindigkeit erkauft mit maximalem
Treibstoffverbrauch. Gespannt wird am GPS die zunehmende Geschwindigkeit
verfolgt und spekuliert, welche Maximalgeschwindigkeit wir wohl erreichen
würden. Diese pendelte sich bei 11 kn ein. (1 kn (Knoten) =1,852 km/
Stunde) Bei der Einführung des metrischen Systems wurde der nominelle
Erdumfang (Meridiankreis) als 40.000 Kilometer definiert. Aus der
Rechnung (40.000 km / 360 Grad des Vollkreises) / 60 Bogenminuten
ergibt sich als theoretisches Maß der Seemeile eine Länge von genau
1851,851 m. Vorbei an der Großbaustelle des Tiefwasserhafens erreichten
wir dann die Schleuse mit einer Verspätung von 20 Minuten. Die riesige
Schleusenanlage, erstmalig zu Kaisers Zeiten aus dem Boden gestampft
und völlig zerstört im letzten Krieg, wurde für die Bundesmarine erneut
aufgebaut. Gleichzeitig können mehrere Schiffe, auch mit größeren
Abmessungen, geschleust werden. So lagen vor uns die holländischen
Großsegler Mercedes, Artemis und Morgenster. Die kleineren Sportboote
kamen sich bestimmt wie verloren vor. Der Schleusvorgang dauerte eine
gute halbe Stunde und dann ging es vorbei am Marinearsenal wo zahlreiche
Fregatten, Zerstörer und andere Schiffe der Bundesmarine lagen. Weiter
ging es an der zur Seite gefahrenen Kaiser-Wilhelm-Brücke vorbei zum
Bontekai. An der Backbordseite standen einige Kameraden mit nachdenklichem
Blick und betrachteten die "Mölders", auf der sie einmal ihren Dienst
geleistet hatten. Jetzt liegt der Zerstörer, wie ein alter ergrauter
Hofhund an der Kette mit einem U-Boot vor dem Marinemuseum. Unser
zugesagter Liegeplatz am Bontekai war noch besetzt und so mussten
wir neben dem unbemannten Feuerschiff UFS 4 im Hafenbecken warteten
bis wir anlegen konnten. Ohne Bugstrahlruder ist dies nicht ganz so
einfach. Problematisch sind solche Manöver deshalb, weil sich gleich
eine Menschenmenge ansammelt und diese keine Ahnung von den Abläufen
beim Anlegen haben. Zuerst wird eine Wurfleine geworfen und man hofft,
daß man keinen der Neugierigen mit dem schweren Ball unbeabsichtigt
trifft. Mit dieser wird dann die wesentlich dickere Leine an Land
über einen Poller gelegt und dann vom Schiff aus gestrafft. Kaum war
das Schiff fest und die Gangway befestigt, wollten schon die ersten
Besucher an Bord. "Open Ship" war erst am folgenden Tag. Zuerst mussten
unsere Passagiere von Bord. Auch wir benötigten eine Ruhepause nach
einer fast 9 stündigen Fahrt. Nach einem traditionellen "Einlaufbier"
gab es dann ein schmackhaftes, vielseitiges Abendbrot für die Crew
und die Passagiere, die über die gesamte Reise an Bord bleiben wollten.
Die Fußballweltmeisterschaft war das allgemeine Gesprächsthema, so
beschlossen die Fußballfans, eine der naheliegenden Großraumveranstaltungen
aufzusuchen. Dort war es derart voll, dass sie keinen Zugang erhielten
und zum Schiff zurück kamen. Die weniger Fußballbegeistertenbesuchten
die Festmeile oder beobachteten den Publikumsverkehr, der vorbeischlenderten
Menschenmassen, die deutlich zunahm als das Fußballspiel zu Ende war.
Die Fußballfans unter ihnen waren kaum zu übersehen, freudig, lautstark,
bunt geschminkt und - friedlich. Bisher war ich schon auf vielen solcher
Feste und so war ich überrascht, auch einmal etwas Neues zu entdecken.
Nein - keine neue Bierbude, keine Würstchenbude - es war die Hunde-Bar
"Zur Pfote". Dort gab es für die 4-Beiner für den großen Durst
etwas zu trinken und einen kleinen Snack dazu. Das hatten bestimmt
nicht nur die Hunde für gut befunden, mancher Passant fand die Idee
einfach super. Die Temperaturen entsprachen dem des Mittelmeerraumes
und der Getränkeabsatz war dementsprechend hoch. Eine zeitweise Abkühlung
kam dadurch zustande, dass wenn das Feuerlöschboot einen Wassernebel
herniederregnen ließ und dieser die Festmeile erreichte. Noch
bis weit in die Morgenstunden hörte man, besonders diejenigen, die
zur Landseite an Bord wohnten und ihre Kammer dort hatten, das Tuten
der Vuvuzuelas und das Gejohle der immer noch feiernden Fans.
Die Rückfahrt
Pünktlich gab es am folgenden Tag das Frühstück und es war noch einmal
Zeit, um über die langsam erwachende Festmeile zu schlendern. Dann
begannen die Vorbereitungen zur Rückfahrt nach Cuxhaven. Wie schon
bei der Ankunft, nur in umgekehrter Reihenfolge begann es mit "Leinen
los", ein letzter Blick auf die Festmeile, vorbei am Marinemuseum
, der Kaiser-Wilhelm-Brücke, bis zur Schleuse. Im Sportboothafen versammelten
sich gerade die Kanuten für einen Sonntagsausflug. In der Schleuse
trafen nach und nach immer mehr Segler und Sportboote ein, um ebenfalls
ausgeschleust zu werden. Wie schon bei der Anreise hatten wir fast
Windstille und eine spiegelglatte See.
Kurzweil an Bord
Präpariert mit reichlich Sonnenschutz wurden individuelle Plätze an
Bord aufgesucht, um sich in der Sonne auszuruhen, dem langsam am Horizont
entschwindendem Hafen zu betrachten oder schlichtweg die Fahrt zu
genießen mit einem kühlen Getränk oder einem Buch in der Hand. So
kann die Seefahrt Spaß machen. Wer sich geistig betätigen wollte,
konnte die Fragen des "Füerschipper Patent" beantworten oder auf die
Brücke kommen, um sich selbst die Frage beantworten zu können, wo
sich das Schiff zurzeit befindet. Mit einem Schnellkurs in Navigation
konnte dies mit Hilfe der Brückencrew beantwortet werden, nachdem
man am Kartentisch in die Geheimnisse von Länge und Breite, den Fahrwassertonnen
und dem Unterschied zwischen Knoten, Seemeilen und Kilometern gelernt
hatte.
In heimatlichen Gewässern
In der Ferne sieht man 9 Ankerlieger auf Reede. Diese Schiffe warten
auf Charter oder auf einen Liegeplatz im Hamburger Hafen. Ganz in
der Nähe ziehen einige Schweinswale, fast unbemerkt, ihre Bahnen,
sie sind schneller als wir. Aus dem Dunst der nahen Küste kann man
immer deutlicher die Insel Neuwerk, den Strand vor Döse und Duhnen
erkennen. Dort wie Luftballons anzusehen, schweben viele Paragleiter
in luftiger Höhe über dem Strand. Langsam macht sich eine stetige
Unruhe bemerkbar, denn die Reise geht ihrem Ende entgegen. Die Passagiere
sammeln ihre Sachen zusammen und können es kaum erwarten, von Bord
gehen zu können. Doch zuvor muss das Schiff am Liegeplatz fest gemacht
werden. Alle Passagiere werden aufgefordert die Anlegeseite zu räumen,
was teilweise mit Unverständnis oder erst nach wiederholter Aufforderung
befolgt wird. Dies ist keine Schikane der Crew, es ist zum Einen Fürsorge
und räumt den erforderlichen Platzbedarf für das Anlegemanöver. Wenn
das Schiff fest an seinem Liegeplatz liegt, können die Passagiere
von Bord gehen. Die Besatzung setzt sich noch zu einem "Einlaufbier"
zusammen um noch einmal die Reise Revue passieren zu lassen.
Auf
dem Terminkalender 2010 stehen noch die Museumsfahrten nach Bremerhaven
zur "Sail", nach Büsum zur "Kutterregatta" und einige Museumsfahrten
nach Helgoland. Erleben Sie das Berichtete doch selbst! Fahren Sie
doch einmal mit!